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1000 Jahre Reichersbeuern –

ein schneller Streifzug durch die bewegte Geschichte eines kleinen Ortes

Gut, wir geben es gleich zu: Unser Reichersbeuern ist wahrscheinlich schon ein bisschen älter als die in 2020 gefeierten 1000 Jahre… Da zur damaligen Zeit aber die Buchführung noch nicht so genau genommen wurde - und auch bei der Ablage gab es noch keine bindenden Fristen und Datensicherungen - stammen die ersten überlieferten Aufzeichnungen über unseren Ort „Richerispuira“ aus den „Entfremdungslisten“ des Klosters Tegernsee aus dem Jahre des Herrn 1020. Das haben wir schriftlich und nachweisbar. Ein guter Grund dieses in 2020 zu feiern, oder?

Rihherispuira

Die Anfänge

Das würden bestimmt auch unsere bajuwarischen Vorfahren so sehen, die, so vermutet man, im 7. oder 8. Jahrhundert nach Christus, hier ansiedelten und wohl die ersten echten „Reischbeira“ waren. Deren Reihengräber wurden vor rund 80 Jahren hinter dem Eisplatz in der Dorfmitte gefunden – ein erstes gutes Zeichen für die Eishockeyurkraft aus dem Isarwinkel? Man kann es nur vermuten…

Das Schloss Reichersbeuern

Wann unser Schloss - bzw. ihre Vorgängerin, die Veste, - genau gebaut wurde, ist nicht überliefert. Gesichert ist, dass das Gebäude Anfang des 16. Jahrhunderts von den Brüdern Tänzl von Tratzberg aus Tirol in das romantische Schloss umgebaut wurde, welches wir heute noch in dieser äußerlichen Form als markantes Kennzeichen unseres Dorfes vorfinden. 

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Legendär und sagenumwoben

Unser Schloss war in den letzten Jahrhunderten oftmals Schauplatz für so manche grausige Missetat oder Ausgangspunkt für die ein oder andere schaurige Sage. So trieb ein unheimlicher Hund mit rotglühenden Augen sein Unwesen oder mysteriöse Lichter leuchteten des Nachts hinter den dunklen Schlossfenstern und erschreckten fromme Mägde.  Und die unterirdischen Gänge bis hin zum Kloster Reutberg sollen dem Wildschütz Lampl seinerzeit gute Dienste geleistet haben.

Die wohl bekannteste Legende aus Reichersbeuern ist die der „weißen Frau“. Die Gerüchte über ihre geisterhaften Erscheinungen sprachen sich bis nach München herum. Dem Spuk ein Ende bereiten sollte 1644 ein Exorzismus, der in der Herrenstube des Schlosses durchgeführt wurde. Mit einem Gottesdienst sowie reichlich Weihwasser sollte der Geist der Untoten vertrieben werden. Anscheinend mit Erfolg – seither ist sie keinem mehr erschienen… Oder?

Wenn man den Legenden glauben möchte, handelte es sich bei der „weißen Frau“ um den Geist von Anna von Pienzenau, in anderen Versionen um ihre Mutter, Sophie von Pienzenau, welche beide zu Beginn des 17. Jahrhunderts das Schloss bewohnten.

Vor allem das bewegte Schicksal Annas ist das Hauptthema des Theaterstücks unseres Trachtenvereins, welches im Sommer 2020 am Schloss, sozusagen am Originalschauplatz, auf die Bühne gebracht wird.

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Unser Kirchturm, so einzigartig wie wir

Doch wieder zurück in die Vergangenheit:

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte Reichersbeuerns war 1748 der Umbau der Kirche aus dem 8./9. Jahrhundert in ein barockes Gotteshaus. Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt bekam der Kirchturm eine neue Form: Das Satteldach wurde durch eine außergewöhnliche Dachkonstruktion, einer umgestülpten Lilie, ersetzt. Das sieht man so nicht noch einmal in ganz Bayern, da sind wir uns sicher!

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Denkmäler – Mahnmäler

So gingen die Jahrhunderte ins Land – die bewegten Zeiten hielten an: Ein gnadenloser „Schuldentilgungskommissär“ schikanierte die Bevölkerung im 19. Jahrhundert, Gerüchten zu Folge wurde er von einem Hofmarksjäger schließlich ermordet.

Aber auch die große Politik wirkte bis in unser Dorf: Die Burschen und Männer mussten immer wieder zu Kriegseinsätzen einrücken und hinterließen große Lücken in der überlebenswichtigen landwirtschaftlichen Arbeit und bei ihren Familien. Die Kriegerdenkmäler im Friedhof und in der Ortsmitte zeugen noch heute davon.

Ein besonders trauriges Kapitel Ortsgeschichte trug sich am 2. Mai 1945 zum Ende des zweiten Weltkrieges auf unserer Hauptstraße zu.  Der Dachauer KZ-Todesmarsch zog durch Reichersbeuern bevor die 2.700 KZ-Häftlinge am Schopfloch, zwischen Waakirchen und Reichersbeuern, von Amerikanern befreit wurden. Ihre Bewacher hatten sie zuvor 70 Kilometern durch Schneetreiben und Wildnis getrieben. Viele der ursprünglich 12.000 Insassen erfroren, verhungerten oder starben an Erschöpfung auf ihrem beschwerlichen Weg. Reichersbeurer Zeitzeugen konnten den Anblick der armen Seelen nie vergessen, traumatisiert berichteten sie von der Gnadenlosigkeit der SS-Herren, die auf offener Straße Menschen erschossen haben weil ihnen die Kraft ausging. Neun Menschen ließen damals in Reichersbeuern ihr Leben; ihnen und allen anderen KZ-Häftlingen zu Ehren wurde an der östlichen Ortsgrenze ein Mahnmal gesetzt.

Olympisches Feuer

Nach dem Krieg brachen friedlichere, bessere Zeiten bei uns an: Mit der Wirtschaft ging es bergauf, Vereine wurden gegründet, der Sport wurde ein wichtiger Part des Dorflebens. Die größten Erfolge verbuchten unsere Eishockeyspieler – bis zur deutschen Regionalligameisterschaft ging der Weg des SCRs. Eine besondere Ehre war es für unsere einheimischen Sportler 1972 mit Stolz die olympische Fackel durch Reichersbeuern zu tragen bevor sie ihren Weg nach München fortsetzte. Ein unvergesslicher Tag, von dem heute noch die Fackel an der Wand und ein Foto im Altwirt zeugen.

So san mia, d´Reischbeira, friahra und jetzt

Stolz darauf ein Reischbeira zu sein, das kennt man nicht erst seit den sportlichen Erfolgen. Aber besonders leicht war es in den vergangenen Jahrhunderten nicht in unserem Ort zu wohnen. Die geographische Lage war seinerzeit der Hauptgrund hierfür: Der bekannte „Reichersbeurer Wind“, die harten Winter, die mückenreichen Sommer – das machte unseren Vorfahren viel mehr zu schaffen, als wir es heute in unseren warmen, isolierten Häusern erahnen können.

Dass dennoch einige Einwohner schon lange tief verwurzelt in Reichersbeuern sind, lässt sich unter anderem an Folgendem festmachen: Die ältesten Anwesen in der Dorfmitte und auch heute noch ansässige Familien lassen sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen.

Viele "Neu-Reichersbeurer" bereichern unser Dorfleben schon seit einigen Jahrzehnten, das ist der Tatsache zu verdanken, dass wir seit 1874 eine Bahnstation in Reichersbeuern unser Eigen nennen. Schnell nach München oder über Bad Tölz nach Lenggries oder an den Tegernsee – für Reichersbeurer schon seit knapp 150 Jahren fast kein Problem mehr. Aber nur, wenn denn dann der Zug auch pünktlich kommt, mag der ein oder andere Pendler denken.

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Sowie die Bahnlinie hat auch das Bergwerk Marienstein Mitte des 20. Jahrhunderts viele neue Bürger nach Reichersbeuern gelockt. Die Bauernhöfe wurden nach dem zweiten Weltkrieg sukzessive weniger, die Siedlung am Nordrand des Vorbergs wuchs langsam an, Richtung Bahnhof wurde ebenfalls fleißig gebaut. Das einst so kompakte Dorf mit der Hauptschlagader Tölzer-/Tegernseer-Straße wuchs sternförmig an. Auch die heute noch steigenden Einwohnerzahlen sind Beleg dafür, dass Reichersbeuern eine attraktive Heimat für viele (geworden) ist. Sogar einige hochkarätige Sportler und Künstler nennen Reichersbeuern ihr „Dahoam“, da samma scho a bisserl stolz drauf.

Im Jahre 1840 konnten sich 436 Leute als Reichersbeurer bezeichnen, 1932 waren es 992, 1988 war es dann schon Heimat für 1 604 Bürgerinnen und Bürger und 1991 wurden 1 748 Einwohner in der Statistik erfasst. 1998 wurde dann die 2 000er Marke mit 2 010 gemeldeten Personen überschritten. 

Stand 31.12.2018 sind wir aktuell bei 2 564  Reischbeirarinnen und Reischbeirern. Und rund die Hälfte davon waren im Juli 2019 beim jüngsten Großereignis der Dorfgeschichte dabei – unserem einmaligen Dorffoto. Auf diesem sind so viele Reischbeira zu sehen wie noch nie auf einem einzigen Bild abgebildet wurden – ein historisches Dokument, da sind wir sicher!

Und es zeigt unser Dorf und seine Einwohner in unserer heutigen Vielfalt, verbunden durch unsere tiefe Heimatliebe, egal ob jung oder alt, Einheimisch oder Zuagroast, Trachtler oder Schütz, Sportler oder Künstler – jeder ist willkommen, jeder ist dabei, jeder ist ein Teil von Reichersbeuern!

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Das ist der Zusammenhalt der Reischbeira so wie wir ihn kennen – in guten wie in schlechten Zeiten – Mitanand/Beianand/Füranand.

 

Von ganzem Herzen ois Guade zum 1000. Jahrestag der Erwähnung liebes Reischbein! Du hast bewegte Zeiten hinter dir, aber du host di immer guad ghoitn! Jetzt lass di gescheit feiern und bleib a de naxtn 1000 Jahr gsund und munter! Mia wünschen dir ganz vui Kraft, bleib deine Traditionen und Werte treu und bleib a immer offen für Neues, egal wos die Zeit und as Leben no bringa mog! So, und jetzt lass ma´s im Bierzelt gscheit kracha! Auf geht´s!

 

Deine Reischbeira

 

Text: Martina Geisberger

Fotos: Archiv, Matthäus Krinner, Andreas Lehner, Rose Sasse

 

 



Mitanand // Beianand // Füranand
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Vertreten durch: 1. Bürgermeister Ernst Dieckmann
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